Serge Gnabrys schwerer Adduktorenriss ist für Julian Nagelsmann ein bitterer Rückschlag auf dem Weg zur WM. Der Bayern-Profi fällt wie befürchtet aus und fehlt der Nationalmannschaft beim Turnier in den USA, Mexiko und Kanada damit sicher. Für den Bundestrainer rückt nun Jamal Musiala noch stärker in den Mittelpunkt.

Gnabry fehlt als flexible Offensivlösung
Als hätte Nagelsmann nicht ohnehin schon genug Baustellen. Die Dauerdebatten um Manuel Neuer und Deniz Undav beschäftigten den Bundestrainer zuletzt ebenso wie die mäßigen Auftritte der Nationalmannschaft in den Länderspielen im März. Spätestens seit Mittwochabend herrscht in einer weiteren Personalfrage Gewissheit: Gnabry wird bei der WM nicht dabei sein. Für die Jagd nach dem fünften Stern ist das ein herber Verlust.
Der 31-Jährige spielte sowohl beim FC Bayern als auch in der Auswahl des DFB eine starke Saison und wäre beim XXL-Turnier auf allen Offensivpositionen einsetzbar gewesen. Dazu hätte er reichlich Selbstvertrauen aus dem Verein mitgebracht. Unter dem Strich schwächt sein Ausfall die Angriffsmöglichkeiten deutlich.
Am Mittwochabend teilte Gnabry selbst mit, dass sein WM-Traum „leider vorbei“ sei. Auf Instagram hatte ihm Musiala bereits ein Herzchen geschickt, ein Zeichen mitfühlender Anteilnahme unter Teamkollegen. Auch andere aktuelle und frühere Nationalspieler meldeten sich. Nick Woltemade reagierte mit Traurig-Emojis, David Raum schrieb: „Zusammen für dich, Bro“.
Musiala rückt in den Fokus
Für Nagelsmann gibt es dennoch einen Hoffnungsschimmer. Musiala kommt immer besser in Schwung, und die Erwartung wächst, dass der Münchner nach seiner langen Pause bei der WM wieder nahe an seine Bestform herankommt. Das letzte von bislang 40 Länderspielen bestritt der 23-Jährige vor 13 Monaten, ehe ihn seine schwere Verletzung stoppte.
Während seiner Abwesenheit setzte Nagelsmann im Stile von Joachim Löw lange auf Gnabry, ganz nach dem alten DFB-Motto, dass „Serge Gnabry spielt immer bei mir“. In der laufenden WM-Saison stand der Bayern-Star in allen acht Länderspielen in der Startelf, erzielte vier Treffer und bereitete zwei weitere Tore vor. Mal lief er rechts auf, meist ersetzte er Musiala auf der Zehnerposition.

Nun soll Musiala im Sommer wieder der Spieler sein, der im DFB-Zentrum den Rhythmus vorgibt. Seine jüngsten Auftritte machen Mut. Rudi Völler sagte: „Jamal wird von Woche zu Woche besser“, vor allem auch mit seinen Dribblings, „das ist ja seine große Qualität“. Jede Einsatzminute in der bayerischen Triple-Jagd werde ihm „guttun, dass er dann eine gute WM spielt“.
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Mit Musiala zentral braucht Nagelsmann rechts eine neue Lösung, nachdem Gnabry dort als naheliegende Option wegfällt. Als erste Kandidaten gelten Leroy Sané und der verletzte Münchner Youngster Lennart Karl. Dahinter werden Jamie Leweling vom VfB Stuttgart und Karim Adeyemi vom BVB genannt.
Eine weitere Möglichkeit wäre, Kai Havertz als Neuner zurückzuziehen, Musiala auf rechts einzusetzen und im Sturm mit Nick Woltemade oder Nagelsmanns „Joker“ Deniz Undav zu beginnen. Dass der Umgang des Bundestrainers mit Undav zuletzt Zweifel an Nagelsmann geschürt haben könnte, wollte Völler nicht erkennen. „Julian“, stellte der DFB-Sportdirektor klar, „ist ein top Trainer, sehr empathisch.“ Einen besseren „kann man sich nicht wünschen“.
Gleichzeitig betonte auch Max Eberl den Wert des Ausfalls für Bayern und DFB. Gnabry hätte bei der Weltmeisterschaft sicher „eine sehr gute Rolle gespielt“, sagte der Sportvorstand. Joshua Kimmich hatte zuvor bereits erklärt, der Offensivspieler werde dem FC Bayern bei der Triple-Jagd „extrem“ fehlen. Für den Kapitän ist Gnabry nicht nur sportlich, sondern auch menschlich „ein sehr großer Verlust“.
Entsprechend sprachlos war Rudi Völler, als er nach dem zweiten verletzungsbedingten Turnier-Aus in Folge Kontakt zu Gnabry aufnahm. „Was sagt man da? Was schreibt man da?“, fragte der Sportdirektor und fügte hinzu, mehr als ein „Kopf hoch“ sei ihm zunächst nicht eingefallen.