FIFA-Präsident Gianni Infantino drängt auf eine Rückkehr russischer Teams in den internationalen Fußball – und löst damit heftige Reaktionen aus Politik und Sport aus. In Russland sorgt der Vorstoß für sichtbare Vorfreude, während aus Berlin und Brüssel scharfe Kritik kommt. EU-Sportkommissar Glenn Micallef und die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Aydan Özoğuz, stellen sich klar gegen eine schnelle Normalisierung. Auch aus der Ukraine kommt deutliche Ablehnung. Die großen Fußballverbände FIFA, UEFA und DFB reagieren dagegen bislang mit Schweigen.

Inhaltsverzeichnis
- Infantino fordert Rückkehr Russlands in den Weltfußball
- Scharfe Kritik an Infantino aus EU-Kommission, Bundestag und Ukraine
- Vorfreude in Moskau: Russland sieht Bewegung im Weltsport
- UEFA, DFB und FIFA-Gremien halten sich bedeckt
- Hintergrund: Suspendierung russischer Teams und Rolle deutscher Funktionäre
Infantino fordert Rückkehr Russlands in den Weltfußball
Gianni Infantino hat in einem Interview mit der schweizerischen „Weltwoche“ eine Wiederaufnahme russischer Mannschaften in den Weltfußball ins Spiel gebracht. „Wir werden konkret studieren müssen, wie man Russland wieder einbeziehen kann. Der Sport muss immer vereinend sein“, sagte der FIFA-Präsident. Aus seiner Sicht können Sportler, Fans und Kinder nichts für politische Entscheidungen, der Fußball müsse eine Brücke bleiben. Je schneller alle Nationen wieder an einer Weltmeisterschaft teilnehmen könnten, „umso besser“, so Infantino.
Beim britischen Sender Sky präzisierte der Verbandschef, man müsse die Suspendierung russischer Teams „definitiv“ aufheben – zumindest mit Blick auf Jugendmannschaften. Der Ausschluss habe nichts gebracht und lediglich „noch mehr Frustration und Hass zwischen Mädchen und Jungen geschürt“. Die FIFA hatte 2018 trotz der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim die WM-Endrunde in Russland ausgetragen, anschließend zeichnete Russlands Präsident Wladimir Putin Infantino mit dem russischen Freundschaftsorden aus.
Scharfe Kritik an Infantino aus EU-Kommission, Bundestag und Ukraine
Aus Brüssel kam umgehend Widerspruch. EU-Sportkommissar Glenn Micallef kritisierte Infantinos Vorstoß scharf und stellte klar: „FIFA-Präsident Infantino, Werte sind nicht verhandelbar.“ Aggressoren einfach so in den Weltfußball zurückkehren zu lassen, als wäre nichts geschehen, ignoriere reale Sicherheitsrisiken und den tiefen Schmerz, den der Krieg verursacht habe. Eine Normalisierung könne man nicht hinnehmen, schrieb der Sozialdemokrat aus Malta. Der Fußball gebe im globalen Sport den Ton an – entsprechend hoch sei die Vorbildfunktion der Verbände.
Auch aus Berlin setzte es deutliche Worte. Aydan Özoğuz, SPD-Politikerin und Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, bezeichnete eine Wiederaufnahme Russlands in den internationalen Spielbetrieb „in dieser Situation“ als „Bankrotterklärung des Sports, ganz besonders im Fußball“. Als weltweit meistgespielte und meistverfolgte Sportart trage der Fußball eine besondere Verantwortung, betonte sie, und diese Verantwortung müsse gelebt werden. Infantino scheine „jeden moralischen Kompass verloren zu haben“.
Aus der Ukraine ließ die politische Reaktion ebenfalls nicht lange auf sich warten. Außenminister Andrij Sybiha nannte den FIFA-Präsidenten angesichts seiner Forderungen „moralisch degeneriert“. Damit verschärfte die ukrainische Seite den Ton in der ohnehin hochsensiblen Debatte um Russlands mögliche Rückkehr.
Vorfreude in Moskau: Russland sieht Bewegung im Weltsport
In Russland lösten Infantinos Aussagen hingegen spürbare Hoffnungen auf eine Rückkehr in den Weltfußball aus. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte laut russischen Nachrichtenagenturen, man habe den Vorstoß des FIFA-Präsidenten zur Wiederzulassung der derzeit suspendierten russischen Teams aufmerksam registriert. „Wir begrüßen das ausdrücklich. Es ist Zeit, darüber nachzudenken“, sagte Peskow und deutete damit russische Gesprächsbereitschaft an.
Auch im olympischen Umfeld registriert man eine mögliche Verschiebung der Positionen. Bei einer Eröffnungszeremonie des IOC in der Mailänder Scala im Rahmen der Olympischen Winterspiele 2026 saß das russische IOC-Mitglied Schamil Tarpischtschew nach eigenen Angaben neben Infantino. Gegenüber der Sportschau erklärte er, der FIFA-Präsident bewerte die russischen Bemühungen um eine Rückkehr in internationale Wettbewerbe „sehr positiv“. Man stehe in ständigem Kontakt, und „im Moment ist alles in Bewegung“, sagte Tarpischtschew.
UEFA, DFB und FIFA-Gremien halten sich bedeckt
Eine schnelle Entscheidung über Russlands Zukunft im internationalen Fußball deutet sich trotz der öffentlichen Äußerungen nicht an. Auf die Frage, ob und wann der FIFA-Rat das Thema formell beraten werde, gab der Weltverband gegenüber der Sportschau keine Auskunft. Russland bleibt formell Mitglied der europäischen Konföderation UEFA, doch auch von dort kommt bislang kein Signal für einen Kurswechsel. Auf eine Anfrage der Sportschau reagierte die UEFA lediglich mit „Kein Kommentar“.
Am kommenden Donnerstag tagt der UEFA-Kongress in Brüssel, bei dem sich Präsident Aleksander Ceferin erstmals öffentlich zu Infantinos Vorstoß äußern könnte. Parallel kommt dort das UEFA-Exekutivkomitee zusammen, das auf europäischer Ebene über ein Ende der Sanktionen abstimmen müsste. Für den deutschen Fußball wären Entscheidungen dieser Gremien richtungsweisend, weil sie über die Teilnahme russischer Nationalmannschaften und Klubs an Qualifikationsrunden und Europapokal-Wettbewerben bestimmen.
Die Sportschau konfrontierte den DFB mit der Frage, wie der Verband Infantinos Initiative bewertet und wie er sich bei möglichen Abstimmungen in den Gremien von FIFA und UEFA positionieren würde. Der DFB verzichtete jedoch auf eine Stellungnahme. Damit schweigen die wichtigsten Fußballinstitutionen bislang – während die politische Kritik an einer Rückkehr Russlands in den Fußball lauter wird.
Hintergrund: Suspendierung russischer Teams und Rolle deutscher Funktionäre
Russlands Auswahlmannschaften und Klubs sind seit Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine von Wettbewerben der FIFA und UEFA ausgeschlossen. Die Verbände begründeten die Entscheidung 2022 allerdings nicht explizit mit der militärischen Aggression, sondern verwiesen auf „Sicherheitsgründe“, die Wahrung der „Integrität des Wettbewerbs“ und den „reibungslosen Ablauf der Spiele“. Zuvor hatten FIFA und UEFA noch versucht, russische Teams ohne Fahne und Hymne unter der neutralen Bezeichnung „Fußballverband aus Russland“ antreten zu lassen. Als jedoch eine zweistellige Zahl europäischer Nationalverbände – nicht darunter der DFB – Partien gegen Russland verweigerte, sahen sich die Verbände zu einer vollständigen Suspendierung gezwungen. Ein Einspruch des russischen Verbandes vor dem CAS blieb erfolglos.
Auf Funktionärsebene blieb Russland trotz sportlicher Sperre lange eingebunden. Der russische Verbandschef Alexander Djukow, Gazprom-Manager mit Nähe zu Präsident Putin, gehörte bis April 2025 dem mächtigen UEFA-Exekutivkomitee an. In diversen Untergremien von FIFA und UEFA sind russische Offizielle weiterhin vertreten. Zudem flossen die üblichen Fördergelder in Millionenhöhe aus den Verbänden nach Moskau, offiziell zur „Entwicklung des Fußballs“ im Land.
Deutsche Spitzenfunktionäre votierten in der jüngeren Vergangenheit bereits einmal für eine Teilrückkehr Russlands. DFL-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, Mitglied im UEFA-Exekutivkomitee, und DFB-Präsident Bernd Neuendorf im FIFA-Rat stimmten im Herbst 2023 in ihren jeweiligen Gremien für die Wiederzulassung russischer U17-Teams. Der Beschluss scheiterte jedoch in der Umsetzung, weil zwölf der 55 europäischen Nationalverbände – darunter England, Polen, die baltischen Staaten, skandinavische Länder, Rumänien, Irland, Dänemark sowie die Ukraine – kategorisch ablehnten, gegen russische Nachwuchs-Auswahlen anzutreten.
Formell blieb der russische Verband trotz aller Sanktionen stets vollwertiges Mitglied von FIFA und UEFA. Genau an diesem Punkt setzt nun die Debatte über Russlands Rückkehr in den Fußball an – zwischen politischen Warnungen aus Berlin und Brüssel, deutlicher Ablehnung aus Kiew und wachsender Erwartungshaltung in Moskau.